Weinessig gilt als gesunde Zutat für Salatdressings und Marinaden. Doch ein genauer Blick auf die Nährwertangaben einiger Produkte im Supermarktregal offenbart eine überraschende Wahrheit: Was nach einem reinen, natürlichen Produkt aussieht, kann deutlich mehr Zucker und Salz enthalten als erwartet. Diese Diskrepanz zwischen Erwartung und Realität wirft wichtige Fragen zur Produkttransparenz auf und zeigt, dass beim Einkauf von Weinessig und verwandten Essigprodukten besondere Vorsicht geboten ist.
Warum Weinessig nicht gleich Weinessig ist
Die Herstellung von Weinessig folgt grundsätzlich einem einfachen Prinzip: Wein wird durch Essigsäurebakterien fermentiert. Bei diesem natürlichen Prozess entsteht Essigsäure, die für den charakteristischen sauren Geschmack verantwortlich ist. Hochwertiger Weinessig sollte außer Wein und den entstehenden Fermentationsprodukten nichts weiter enthalten. Tatsächlich liegt der Zuckergehalt bei reinem Weinessig bei lediglich 0,1 Gramm pro 100 Milliliter oder sogar darunter, bei etwa 19 bis 20 Kalorien.
Die Realität im Supermarkt sieht jedoch oft anders aus. Viele Hersteller fügen ihren Produkten zusätzliche Inhaltsstoffe hinzu, um Geschmack, Haltbarkeit oder Optik zu optimieren. Dabei handelt es sich nicht immer um deklarierungspflichtige Zusatzstoffe im engeren Sinne, sondern häufig um Zutaten, die auf den ersten Blick harmlos erscheinen.
Der versteckte Zuckergehalt bei spezialisierten Essigprodukten
Besonders problematisch wird es bei spezialisierten Essigprodukten wie Würzessigen, Essig-Aperitifs oder Balsam-Varianten. Während reiner Weinessig von Natur aus minimale Mengen Restzucker aus dem ursprünglichen Wein enthält, fügen Hersteller solcher Spezialprodukte gezielt Zucker, Traubensaft, Traubenmostkonzentrat, Zuckersirup oder Glukosesirup hinzu. Die Motivation dahinter ist nachvollziehbar: Die zusätzliche Süße mildert die Säure und macht das Produkt massentauglicher.
Die Folge sind Nährwertangaben, die überraschen. Während reiner Weinessig praktisch zuckerfrei ist, finden sich bei speziellen Essigprodukten plötzlich Werte zwischen 30 und sogar 60 Gramm Zucker pro 100 Milliliter. Selbst moderatere Varianten können durchaus fünf bis zehn Gramm aufweisen. Bei einem typischen Salatdressing mit zwei Esslöffeln solcher Produkte summiert sich dies bereits zu einem nicht unerheblichen Zuckeranteil. Für Menschen, die bewusst auf ihren Zuckerkonsum achten oder an Diabetes leiden, ist diese versteckte Süße ein echtes Problem.
Kennzeichnungslücken erschweren die Erkennung
Die gesetzlichen Kennzeichnungsvorschriften verlangen zwar die Angabe aller Zutaten, doch die Formulierungen lassen Interpretationsspielraum. Begriffe wie Traubenmost, Traubensaftkonzentrat oder natürliche Süße klingen gesund und werden von vielen Verbrauchern nicht als Zuckerzusatz erkannt. Dabei handelt es sich letztlich um freie Zucker, die ernährungsphysiologisch ähnlich zu bewerten sind wie herkömmlicher Haushaltszucker.
Salz im Essig: Eine unterschätzte Komponente
Noch weniger bekannt als der Zuckergehalt ist die Tatsache, dass manchen Essigprodukten Salz zugesetzt wird. Auch hier liegt der Grund in der Geschmacksoptimierung: Salz verstärkt Aromen und kann die Wahrnehmung von Säure beeinflussen. Für die meisten Verbraucher ist Salz jedoch das letzte, was sie in einer Flasche Essig erwarten würden.
Der Natriumgehalt kann dabei überraschend hoch ausfallen. Während reiner Weinessig praktisch natriumfrei sein sollte und tatsächlich Werte von etwa 20 Milligramm pro 100 Milliliter oder sogar null aufweist, zeigen manche Spezialprodukte extreme Abweichungen. Ein Zitronen-Balsam-Essig etwa kann bis zu 5,4 Gramm Salz pro 100 Milliliter enthalten. Solche Werte fallen bei regelmäßiger Verwendung ins Gewicht. Besonders für Menschen mit Bluthochdruck oder anderen Herz-Kreislauf-Erkrankungen, die streng auf ihre Natriumzufuhr achten müssen, ist dies relevant.
Die Nährwerttabelle richtig lesen
Um unliebsame Überraschungen zu vermeiden, lohnt sich der kritische Blick auf die Nährwertangaben. Die Zutatenliste sollte komplett durchgelesen werden, denn alle Inhaltsstoffe sind nach Menge absteigend aufgelistet. Steht Zucker, Zuckersirup, Glukosesirup, Traubensaft oder Traubenmost weit vorne, ist der Anteil entsprechend hoch. Die Nährwerttabelle verrät unter dem Punkt Kohlenhydrate den konkreten Zuckergehalt. Werte über zwei Gramm pro 100 Milliliter sind für reinen Weinessig ungewöhnlich hoch und deuten auf ein verarbeitetes Spezialprodukt hin.

Auch die Natriumwerte verdienen Aufmerksamkeit. Diese finden sich unter Salz in der Nährwerttabelle. Hochwertiger Weinessig sollte hier Werte nahe null aufweisen. Die Produktbezeichnung selbst liefert ebenfalls wichtige Hinweise: Begriffe wie Balsamico-Creme, Würzessig, Essig-Aperitif oder Balsam deuten oft auf zusätzliche Zutaten hin.
Gesundheitliche Auswirkungen der Zusätze
Die gesundheitlichen Konsequenzen mögen auf den ersten Blick gering erscheinen. Schließlich verwendet man Essig nur in kleinen Mengen. Diese Perspektive greift jedoch zu kurz. Der Teufel steckt in der Summe: Wer täglich Salate mit zuckerhaltigen Essigprodukten anmacht, nimmt über das Jahr gerechnet erhebliche Mengen zusätzlichen Zucker auf und das ausgerechnet bei einem Produkt, das als gesund gilt.
Hinzu kommt der psychologische Aspekt. Verbraucher, die bewusst auf ihre Ernährung achten und sich für Salat statt Pommes entscheiden, erwarten zu Recht, dass die verwendeten Zutaten ihrer Gesundheitsstrategie nicht zuwiderlaufen. Das Gefühl, hinters Licht geführt worden zu sein, untergräbt das Vertrauen in Lebensmittelprodukte generell.
Qualitätsmerkmale beim Einkauf erkennen
Wer sichergehen möchte, ein möglichst reines Produkt zu erwerben, sollte auf bestimmte Qualitätsmerkmale achten. Weinessig mit geschützter geografischer Angabe oder traditioneller Herstellungsweise enthält in der Regel keine überflüssigen Zusätze. Auch der Preis kann ein Indikator sein: Sehr günstige Produkte werden häufig mit kostengünstigen Zutaten gestreckt.
Die Produktbezeichnung liefert ebenfalls wichtige Hinweise. Reiner Weinessig wird schlicht als solcher bezeichnet, während Begriffe wie Balsam, Aperitif oder Würzessig auf verarbeitete Produkte mit längeren Zutatenlisten hinweisen. Wer klassischen Weinessig sucht, sollte genau diese einfache Bezeichnung wählen und die Zutatenliste auf Reinheit prüfen.
Alternativen und Eigenproduktion
Wer auf Nummer sicher gehen möchte, kann Dressings auch aus eindeutig deklariertem Weinessig und separat zugefügten Zutaten selbst herstellen. So behält man die volle Kontrolle über Zucker- und Salzgehalt. Eine weitere Option ist der Kauf in Feinkostgeschäften oder Reformhäusern, wo die Produktqualität oft höher und die Deklaration transparenter ist.
Auch Bio-Produkte bieten tendenziell mehr Sicherheit, da die ökologischen Richtlinien den Zusatz von Zucker und Salz einschränken. Allerdings ist auch hier Vorsicht geboten: Bio bedeutet nicht automatisch frei von Zusätzen, sondern lediglich, dass diese aus biologischem Anbau stammen müssen.
Was sich ändern muss
Die Problematik unerwarteter Nährwerte bei Essigprodukten zeigt exemplarisch, wo das Lebensmittelrecht Schwächen aufweist. Produkte, die traditionell als rein und natürlich gelten, sollten klarer von ihren verarbeiteten Varianten unterscheidbar sein. Eine klarere Kennzeichnungspflicht würde helfen, die Transparenz zu erhöhen und informierte Kaufentscheidungen zu ermöglichen.
Verbraucher ihrerseits können durch bewusstes Einkaufsverhalten ein Signal setzen. Wer gezielt nach reinen Produkten fragt und diese bevorzugt kauft, beeinflusst langfristig das Angebot. Der kritische Blick auf die Zutatenliste und Nährwerttabelle wird zur wichtigsten Waffe gegen irreführende Produktversprechen. Nur so lässt sich sicherstellen, dass vermeintlich gesunde Produkte auch tatsächlich halten, was ihr Image verspricht. Reiner Weinessig mit seinen minimalen Zucker- und Salzwerten bleibt eine gesunde Wahl, vorausgesetzt man greift tatsächlich zum richtigen Produkt.
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